Man muss Menschen mögen
Altötting. Vier Jahrzehnte lang hat Frank Einwanger mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet, die es nicht leicht hatten. Jetzt gibt er seine Position im Referat Pädagogik der Stiftung SLW Bayern an seinen Nachfolger Oliver Reitz-Imhof ab.

Berater und Problemlöser: Frank Einwanger (l.) übergibt seine Rolle im Pädagogischen Referat an Oliver Reitz-Imhof. Foto: Obele
Der dicke Schlüsselbund klappert, als Frank Einwanger seine Leitungsposition des pädagogischen Referats für alle SLW-Einrichtungen offiziell an Diplom-Pädagogen Oliver Reitz-Imhof übergibt. Mehr als 40 Jahre lang hat Einwanger in der Jugendhilfe gearbeitet, fast zwei Jahrzehnte davon in der Stiftung SLW Bayern. Jetzt geht er in Rente. Was die Aufgabe des pädagogischen Referats genau ausmacht, lässt sich nicht in einem Satz erklären. Eines ist aber sicher: Es ist keine übergeordnete Stelle, die stiftungsweit die pädagogische Arbeit auf einen gemeinsamen Nenner bringen will. Bei acht Einrichtungen mit 37 Standorten in Bayern wäre das auch kaum möglich. „Das wäre das Dümmste, was man machen kann“, sagt Einwanger ohne Umschweife. Jeder Standort hat eine eigene Geschichte, andere regionale Gegebenheiten, andere Jugendämter, andere Heimaufsichten. „Wer da hingehen würde und einen Standard für alle setzen wollte, der scheitert auf jeden Fall.“
Berater für Mitarbeitende, Vorstand, Leitungen
Reitz-Imhof, selbst auch schon seit 17 Jahren im SLW beschäftigt, die ersten knapp 13 Jahre als pädagogische Leitung, sowie stellv. Gesamtleitung, und zuletzt Bereichsleiter im Norden Bayerns, kennt diese Unterschiede aus eigener Erfahrung. Ob jemand seit dreißig Jahren in einer Einrichtung arbeitet oder erst vor drei Wochen eine Stelle übernommen hat, ob Kinder und Jugendliche aus einer Großstadt kommen oder aus einer kleinen Gemeinde in Oberbayern: All das prägt, wie Krisen in den jeweiligen Einrichtungen aussehen, wie sie von Mitarbeitenden erlebt werden und was überhaupt als Lösung dafür denkbar ist. Vor diesem Hintergrund geht es im pädagogischen Referat vor allem darum, innerhalb der Stiftung jemanden zu haben, „der nicht unmittelbar betroffen ist und trotzdem Ahnung hat“, sagt Einwanger. Ahnung vom internen Gefüge, von pädagogischen Fragen, von gesetzlichen Rahmenbedingungen und von den Realitäten in den Einrichtungen.
Pädagogik: Viele mögliche Wege zwischen den Leitplanken
Konkret bedeutet diese Beraterrolle: zuhören, einordnen, nachfragen. Zum Beispiel, wenn eine Einrichtung eine Gruppe von heilpädagogisch auf therapeutisch umstellen möchte. Für die Entscheidung braucht es die Zustimmung des Vorstands. Vorher aber braucht es jemanden, der fachlich prüft: Was spricht dafür? Welche Risiken gibt es? Welche gesetzlichen Rahmenbedingungen setzen Grenzen? Welche Wege wurden vielleicht noch nicht bedacht? Zusätzlich kann ein dringender Hilferuf einer Kindergartenleitung zu einem akuten Problem per E-Mail ankommen. Einwanger nennt diesen Teil seiner Aufgabe Troubleshooting. Reitz-Imhof nennt es Alltag: Wenn eine Leitungsrunde für eine Krisensituation Abläufe plant, die am nächsten Sonntagvormittag schon nicht mehr greifen, weil ein Kind nicht unter Vollbesetzung am Freitag um 9.30 Uhr verschwindet, sondern am Sonntag um 8.30 Uhr bei Schichtwechsel, dann ist genau seine beratende Perspektive gefragt.
Die Möglichkeiten für das Referat beschreibt Einwanger, der seit Anfang des Jahres mit Reitz-Imhof einen fließenden Übergang seiner Aufgaben vollzogen hat, in diesem Bild: Er spricht von einer vierspurigen Autobahn, die links und rechts von Leitplanken begrenzt ist. Dazwischen aber gebe es viele richtige Wege. Gute Pädagogik bedeutet für ihn deshalb nicht, jedes Kind in ein festes Raster einzuordnen. Sie bedeutet, den Rahmen zu kennen und trotzdem den einzelnen Menschen zu sehen. Einwangers Bild von der Autobahn greift Reitz-Imhof auf und erweitert es: „Vier Spuren sind bestimmt zu wenig. Pädagogik bewegt sich nicht nur zwischen fachlichen Leitplanken, sondern auch zwischen personellen Grenzen, räumlichen Bedingungen, Krisen und den Belastungen der Mitarbeitenden.“
Spielraum für Pädagoginnen und Pädagogen wird enger
Frank Einwanger hat als junger Pädagoge in der Wohngruppe begonnen, in einer Zeit, in der es noch keine Handys gab, in der man ausgerissene Jungs, die Automaten knackten, mit drei Mitarbeitenden, statt heute zum Teil sechs, in einer Wohngruppe betreute. Er hat erlebt, wie Digitalisierung und Social-Media den Alltag in den Gruppen neu definierten. Wie sich der Fachkräftemarkt umkehrte: Heute bewerben sich die Einrichtungen bei den Fachkräften, nicht mehr umgekehrt. Und er hat erlebt, wie der Spielraum für Pädagoginnen und Pädagogen enger wurde. „Jedes Jahr kommen fünf neue Gesetze und 18 neue Regeln“, sagt er. „Aber wenn Pädagogik nicht wieder mehr Vertrauen und mehr Beinfreiheit kriegt, wird es ganz schwierig. Weil wir es nicht mit Robotern zu tun haben, sondern mit Kindern und Jugendlichen.“
Nicht Klientel, sondern Menschen mit Geschichte
Was gute Pädagogik ausmacht, beantwortet Einwanger mit vier Wörtern: „Man muss Menschen mögen.“ Nachfolger Oliver Reitz-Imhof hat sein eigenes Lieblingswort dafür: „sich kümmern“. Für ihn gehört dazu auch, Menschen nicht als Klientel oder Fälle zu sehen, sondern als Kinder und Jugendliche mit einer eigenen Geschichte. Und sich immer wieder bewusst zu machen, was es bedeutet, zum Beispiel als Kind mit elf oder zwölf Jahren, manchmal auch viel früher, zum ersten Mal in eine fremde Einrichtung zu kommen, die nun Heimat werden soll. Fremde Mitbewohner, ein fremdes Zimmer, ein fremder Alltag. „Das ist wirklich etwas, von wo aus man mit dem pädagogischen Denken viel stärker beginnen sollte“, sagt Reitz-Imhof. Trotz aller Leitplanken kann Jugendhilfe viel bewirken: Einwanger erzählt von einer jungen Frau, die er über neun Jahre begleitet hatte. Am Anfang standen nächtliche Polizeieinsätze, heute hat sie ihre Ausbildung abgeschlossen und lebt selbstständig. Ein anderes Beispiel: eine Mutter, die früher selbst in einer Wohngruppe war, inzwischen Altenpflegerin ist und deren Sohn den Quali geschafft hat.
Pädagogische Hilfen müssen früher ansetzen
Der Blick in die Zukunft bleibt trotzdem anspruchsvoll: Kinder, die Unterstützung brauchen, werden jünger. Kindergärten, Schulen und Jugendhilfe geraten zunehmend unter Druck. Für Einwanger ist deshalb klar: Hilfe muss früher ansetzen. „Entscheidend sind die ersten zehn Jahre“, sagt er. Es gehe darum, Familien rechtzeitig zu unterstützen, bevor Probleme eskalieren und Kinder aus ihrem Umfeld genommen werden müssen. Für Reitz-Imhof ist ein weiteres Ziel der Jugendhilfe, dass junge Menschen später nicht dauerhaft von Sozial-Systemen abhängig bleiben. Und um das zu erreichen, wird er zukünftig im Team die richtige Spur zwischen den Leitplanken finden.
Text und Foto: Andrea Obele