Netzwerkpädagogik im SLW: Nichts kann uns aufhalten!
Altötting. Mit der aus der Praxis geborenen Netzwerkpädagogik entsteht in der Stiftung SLW Bayern gerade ein Projekt, das Einrichtungen verbindet, Kinder und Jugendliche zusammenbringt und neue pädagogisch wertvolle Erlebnisse über Hausgrenzen hinweg lebendig werden lässt. Das wird möglich, wenn eine Idee und persönliches Engagement auf internen Rückhalt und finanzielle Unterstützung von außen treffen.

Es regnet in Strömen. Der Himmel ist grau, der Wind drückt gegen die Räder, die Kleidung ist längst durchnässt. Eigentlich ein Tag, an dem keiner aufs Rad steigt. Und doch sind Heilerziehungspfleger und Erlebnispädagoge Thomas Binder (Franziskushaus Altötting) und Sozial- und Erlebnispädagoge Daniel Pech (Antoniushaus Marktl) mit drei ihrer Jungs auf Bikes unterwegs. Die Testfahrt für eine 200 Kilometer lange Radtour, die zu den einzelnen SLW-Einrichtungen in Oberbayern führen wird, gleicht an diesem Tag einer Bewährungsprobe: 63 Kilometer, Gegenwind, Dauerregen, müde Beine. Und trotzdem zieht die kleine Gruppe durch. „Nichts kann uns aufhalten. Das ist die Quintessenz, die die Jungs aus diesem Tag mitnehmen. Sie haben Durchhaltevermögen und Teamgeist gezeigt. Und wenn sie in so einem Moment merken: Ich habe heute etwas geschafft, dann kann das auch in andere Lebensbereiche hinein-wirken“, verdeutlicht Tom Binder. Genau diesen Aha-Effekt noch häufiger in die einzelnen Gruppen der SLW-Einrichtungen zu bringen, das wollen Binder und Pech mit ihrer „Netzwerkpädagogik“ erreichen.
Wertvolles soziales Miteinander
Die Idee, Kompetenzen zu bündeln, Erfahrungen und Ausrüstung mit Kol-legen des SLW zu teilen, entstand, als Thomas Binder und Daniel Pech nach ihrer erlebnispädagogischen Ausbildung gemeinsam im Sommer 2024 die ersten Jungs-Erlebnistage durchführten. Aus dieser ersten, beinahe spontanen Aktion mit sechs Jungs aus den Einrichtungen in Altötting und Marktl wuchs Schritt für Schritt das Projekt „Netzwerkpädagogik“ – ein Begriff, den die Initiatoren selbst geprägt haben. Im vergangenen Jahr gipfelte es im ersten Summercamp, das in Marktl Kinder aus vier Einrichtungen eine Woche lang zusammenbrachte. Hier wurden aus Begegnungen Beziehungen. Jugendliche, die sich sonst nie kennengelernt hätten, blieben in Kontakt. Gerade für junge Menschen, deren Lebenswelt in den Einrichtungen oft stark begrenzt ist, liegt in diesem sozialen Miteinander ein unschätzbarer Wert. An ein eindrucksvolles Bei-spiel aus dem Summercamp erinnert sich Thomas Binder besonders: „Einige Mädchen begegneten unserem Ange-bot zunächst mit offener Ablehnung, hatten absolut keinen Bock, wollten weder zelten noch sich auf die Gruppe einlassen. Doch mit jedem Tag wuchs das Miteinander. Als die Woche zu En-de ging, wollten gerade diese Mädels gar nicht wieder abreisen.“
Kein Eventangebot, sondern Pädagogik
Was zunächst nach einem typischen Ferienprogramm klingt, hat einen klaren fachlichen Kern: Es ist kein bloßes Spaßangebot, sondern ein pädagogisches Angebot mit Mehrwert. Im Mittelpunkt stehen nicht die Abenteuer, sondern die Erfahrungen, die jungen Menschen etwas über sich selbst zeigen. „Uns ist wichtig, dass wir nicht nur Action haben, sondern dass wir danach gezielt gemeinsam reflektieren und dann einen Transfer der Erfahrungen in den Alltag schaffen“, erläutert Thomas Binder. Daniel Pech ergänzt ein Beispiel: „Wenn ein Kind bei den Mathe-Hausaufgaben nicht mehr weiter weiß und sagt: ‚Ich kann das nicht‘, dann können wir an die Radtour erinnern: Da warst du auch an einem Punkt, an dem du dachtest, es geht nicht mehr und am Ende hast du es doch geschafft, und genauso schaffst du das mit der Hausaufgabe auch.“
Voneinander profitieren
Die Netzwerkpädagogik erschöpft sich aber nicht in Camps und Touren. Ein weiterer wichtiger Teil sind die stiftungsweiten Partizipationstage. Jugendvertretungen aus mehreren Einrichtungen kommen dafür zusammen, um sich über Mitbestimmung, Beschwerdemöglichkeiten und gelebte Beteiligung auszutauschen. „Es ist wichtig, unseren Schützlingen zu zeigen, dass ihre Perspektive zählt. Sie lernen, dass sie nicht bloß Teil einer Gruppe oder einer Einrichtung sind, sondern Teil von etwas Größerem“, verdeutlicht Daniel Pech.
Kinder sind in der Netzwerkpädagogik das Wichtigste, aber der neue Ansatz soll auch den Blick der Mitarbeitenden aufeinander verändern. „Wir sind ja nicht nur das Franzihaus, das Antonius- haus oder das Liebfrauenhaus. Sondern wir sind ganz viele Leute, die in der gleichen Stiftung arbeiten und die voneinander profitieren können. In der einen Einrichtung gibt es Fahrräder, in einer anderen Material für den Floß-bau, anderswo musikalische, psycho-logische oder erlebnispädagogische Expertise. Warum sollte jedes Haus alles allein aufbauen, wenn sich Kompetenzen sinnvoll teilen lassen?“, fragt sich Thomas Binder.
Genau hier beginnt die eigentliche Kraft des Netzwerks, davon sind Binder und Pech überzeugt. Es schafft Synergien, entlastet, inspiriert und bringt Kolleginnen und Kollegen miteinander ins Gespräch, die sich sonst vielleicht nicht begegnen würden. Binder wünscht sich, dass sich zukünftig noch mehr Kolleginnen und Kollegen trauen, Projekte an-zustoßen, über den Tellerrand hinaus-zuschauen und neben dem Alltag, der wichtig bleibt, auch mal andere Sachen anzubieten. „Davon kann jeder von uns profitieren. Das ist ja das Schöne an der Pädagogik, das macht sie lebendig und für die Kids auch wertvoll“, so Binder. Das Projekt Netzwerkpädagogik trägt sich bislang nur durch enormes persönliches Engagement, durch die Bereitschaft, auch außerhalb der Arbeitszeit Einsatz zu zeigen, Wochenenden zu investieren und Ideen nicht an der ersten Hürde aufzugeben. Unterstützt werden die engagierten Erlebnispädagogen von Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Bereichen, von Praktikantinnen und Praktikanten, von den Einrichtungsleitungen und vor allem von jenen, die solche Angebote finanziell mittragen. „In diesem Sinne herzlichen Dank an die Stiftung WeltKinderLachen, die uns sehr viel ermöglicht hat“, sagt Pech. „Auch die Stiftung SLW gibt uns immer Rückhalt. Und wir brauchen unbedingt finanzielle Unterstützung, um diese Projekte kostenlos für die Kinder ermögli-chen zu können.“
Was als spontane Idee begann, hat sich also innerhalb von fast zwei Jahren zu einem lebendigen Teil der Stiftungsarbeit entwickelt. Noch ist nicht alles aus-gebaut, noch fehlen Zeitbudgets und feste Strukturen. Aber das Netzwerk wächst und an Ideen mangelt es den beiden engagierten Erlebnispädagogen wahrlich nicht. Text/Foto: Andrea Obele