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Liebfrauenhaus Herzogenaurach

Rollentausch

Verantwortung und soziale Kompetenz spielen an der Liebfrauenhausschule Herzogenaurach eine große Rolle. In der siebten Klasse absolvieren die Mädchen und Jungen ein Sozialpraktikum und betätigen sich ehrenamtlich für ihre Mitmenschen und Umweltprojekte.

Kabelsalat. Mit den Augen überfliegt Sophie das Durcheinander am Boden. „Welcher Stecker gehört denn jetzt zu welchem Kabel?“ Die 13-Jährige murmelt vor sich hin, nimmt eines der schwarzen Kabel in die Hand und zieht es geschickt durch die störrische Schlinge, die sich vor ihr aufgetan hat. Sie steht auf, stöpselt das Kabel, das an den Verstärker angeschlossen ist, aus, und legt es ordentlich zusammen. Dann öffnet das Mädchen den Schrank und legt die Kabelrolle hinein.


Sophie hat das "Projekt Verantwortung" schulintern als Band-Managerin verbracht. Foto:Ulrike Schwerdtfeger

Sophie ist Schülerin der 7. Klasse der Liebfrauenhausschule, einer privaten Grund- und Mittelschule im fränkischen Herzogenaurach, sowie Mitglied der Schulband. „Sie hat eine tolle Stimme“, sagt Anna-Maria Specht und klopft dem Mädchen auf die Schulter. Die Leiterin des Ganztags ist unter anderem zuständig für das „Projekt Verantwortung“, das die siebten Klassen der Mittelschule seit ein paar Jahren durchlaufen – Sophie hat sich schulintern als Bandmitglied überwiegend um Organisation von Musikraum und Instrumenten gekümmert. „Dabei muss man weit mehr im Blick haben als nur die Kabel“, sagt das Mädchen lachend und stimmt die Saiten der Gitarre.

 

Schüler engagieren sich für Kinder und Senioren
Was als „Soziale Woche“ begann, hat sich als fortlaufende Veranstaltung in einem kompletten Schuljahr für Ganztags- und Regelklassen bewährt, erklärt Schulleiter Michael Richter. „Absolut gewinnbringend“, findet er das Projekt, bei dem es weniger um konkrete Berufserfahrung geht. „Unsere Schülerinnen und Schüler können selbst aktiv werden und hinein schnuppern in soziales Engagement, vielfältige soziale Kompetenzen erwerben und sich ehrenamtlich betätigen“, erläutert Anna-Maria Specht. In guter Erinnerung geblieben ist der 49-Jährigen ein einst unsicherer Junge, der für das Projekt Kontakt aufgenommen hatte zu einem Ehepaar, mit dem er regelmäßig einkaufen ging, das er bei der Gartenarbeit unterstützte und das er auch über das Schuljahr hinaus noch weiter besuchte. „Sie hatten einfach einen Draht zueinander“, erinnert sich Anna-Maria Specht: „Mit viel Geduld weihte der Junge den alten Mann in die Funktionsweise seines Handys ein. Es hat einfach Spaß gemacht, die beiden zusammen zu sehen!“

Auch Emma ist Siebtklässlerin und hat das „Projekt Verantwortung“ im Kindergarten ihres Heimatortes absolviert – bis Corona kam. „Da war alles ganz plötzlich vorbei“, erzählt die Schülerin. Erlebt und mitgenommen habe sie trotzdem etwas, findet sie: „Ich habe den Kindern vorgelesen und mit ihnen getanzt. Bloß beruhigen konnte ich sie nicht so gut.“ Auch in Altenheimen bringen sich die Schülerinnen und Schüler der Liebfrauenhausschule ein.

 

Wie beim "Projekt Verantwortung" geht es auch im täglichen Miteinander der Schulgemeinschaft darum, Werte zu leben, achtsam miteinander umzugehen.  Foto:Ulrike Schwerdtfeger

Junge Menschen gewinnen an Selbstbewusstsein uns Selbstständigkeit

„Wir starten mit einem kleinen Bewerbungstraining“, erläutert Anna-Maria Specht, „damit die Kinder wissen, wie sie sich bei den Institutionen vorzustellen haben.“ Denn das sei für einige eine große Hürde. „Umso mehr Bestätigung bekommen die jungen Leute, wenn sie nach und nach ihren Platz in den Einrichtungen gefunden haben“, weiß Specht. So sei der Donnerstag Nachmittag für beide Seiten vielfach ein fester Termin: „Es geht darum, für etwas oder jemanden zuständig zu sein, sich verlässlich einzubringen, gebraucht zu werden“, erklärt die Pädagogin. Dabei könnten die Kinder selbst ihre Ideen umsetzen und sich einen Bereich aussuchen, der sie interessiere und anspreche. „Sich selbst in einer anderen Rolle zu erleben, ist für viele eine ganz neue und wichtige Erfahrung“, weiß sie. Immer wieder staunt die Mutter vier erwachsener Kinder darüber, wie die jungen Menschen in dieser Zeit zunehmend Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit erlangen. „Sie dürfen merken, dass es sich lohnt, offen für etwas Neues zu sein“, findet Anna-Maria Specht. 

Zum Abschluss des Projekts bekommen die Schülerinnen und Schüler nicht nur ein Zertifikat, sondern präsentieren auch ihre Erfahrungen. „Das ist auch für die künftigen Siebtklässler sehr wertvoll – auf diese Weise profitieren sie konkret von den Erlebnissen ihrer Mitschüler und können sich so schon mal selbst orientieren“, erklärt die Koordinatorin. Nie wird sie den Jungen vergessen, der sein „Projekt Verantwortung“ in einem Taubenzuchtverein absolviert hat. „Er wurde regelrecht groß durch das, was er dort tat und was er den Anderen über seine Tätigkeit erzählen konnte“, erzählt Specht. „Wenn es um Tauben ging, konnte ihm einfach niemand etwas vormachen.“

Ulrike Schwerdtfeger